Das Fenster

Der Gang erstreckt sich zu weit, man kann sein Ende nicht erkennen. Nach einigen Metern, vielleicht zehn, vielleicht hundert, verlieren sich alle Konturen in kaltweißem Licht. Sein Boden ist fugenlos, glatt und seltsam transparent – irgendetwas liegt unter der Oberfläche, aber was ist unklar.

Aus unsichtbaren Lautsprechern tönt in unregelmäßigen Abständen von schrillen Wortfetzen unterbrochenes weißes Rauschen das jedes Geräusch, selbst den Klang meiner Schritte, übertönt.

Ein paar Meter weiter unterbricht etwas die Monotonie der weißen Wände. Beim näherkommen wird daraus ein dunkles Rechteck, wie ein Fenster aus getöntem Glas hinter dem schemenhaft Bewegung zu erahnen ist.

Wenn ich hineinsehen würde könnte das Bild klarer werden. Aus den Schemen würden Figuren die sich mir zuwenden, in deren Gesichtern sich Wärme widerspiegelt. Und jedes dieser Gesichter würde eine Geschichte erzählen. Sie würden wortlos Bilder entstehen lassen, von Harmonie und Vertrautheit, Freundschaften und dauerhaften Gefühlen. Und dann würden sie sich wegdrehen und ihre Wärme mitnehmen, denn das Glas ist zu dick um es mit bloßen Händen zu zerbrechen.

Ich schaue nicht hinein. Statt dessen lehne ich mich daneben an die Wand und beginne in sie hinein zu sinken. Für einen kurzen Moment glimmt ein Funken von etwas wie Hoffnung auf als die Wand mich umschließt und mir Geborgenheit verspricht, nur um mich auf der anderen Seite auf den gleichen Boden in einem identischen Flur fallen zu lassen.

Hier gibt es keine Fenster.

 

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